Von der Erfahrung

.. eines alten Meisters seiner Art soll hier ein wenig geschrieben sein.
Bei meiner beruflichen Arbeit komme ich in meinem Arbeitsgebiet teilweise an einem Tag bis 250 Kilometer umher.
Oft vergisst man dabei, die kleinen und schönen, aber gänzlich ins beinahe nenebensächliche abrutschende Momente voller Innigkeit und Freundlichkeit. So geschah folgendes vor kurzem, im alten fast noch unfertig wirkenden, schlicht eingerichteten Schuhmacherlokal im Westbereich meiner heutigen Arbeitsstätte. Ich wollte lediglich ein paar Schuhe reparieren lassen die ich damals für teures Geld erstanden hatte. Die Art des ehrwürdigen alten italienischen Schuhmachers beim fachkundigen Begutachten der defekten Schuhe und deren gebrochener Sohle, erinnerte mich an viele alte KungFu-filme aus den 70ern und 80er Jahren. Die dort ansässigen Meister betrachten ihre Schützlinge und Trainierenden ebenso mit einem strengen, fordernden Blick und wachsamen Auge als auch Wohlwollen.

Dabei ist dem Meister stets das Gelingen, die Erkenntnis des Schülers und sein Fortschritt durch das Training ein grosses Bedürfnis.
Jeder ist Schüler und Lehrer zugleich. Selbst der noch am Anfang stehende Schüler vermag seinem Meister/ Sensei die ihm ganz eigene Art des Lernens und dadurch die völlig anderen Blickwinkel für eine Fesselung oder Ausführung derselben , unterrichten.

So mag anfängliches Zwei-Linke-Hände haben-Syndrom beim Fesseln nicht zwingend die ungeschickte Art des Fesselnden oder mangelndes Feingefühl und Motorik als Ursache stagnierenden Fortschritts gelten.
Oft genug mögen eher eine differenzierte Sichtweise, eine genaue Vorstellung und auch die hohen selbst gesetzten Ansprüche des Aktiven dazu führen, das gewünschtes Resultat nicht umgehend erreicht wird.

Der alte Mann liess sich Zeit, fachsimpelte mit mir ein wenig und roch auch am feinen Leder der Schuhe. Er spürte, das mir diese Schuhe viel bedeuteten. Unbewusst drängelte ich wohl ein wenig auf seine Antwort. Doch unbeirrt prüfte er weiter. Schaute hier und da, dort und drüben , setzte den Schuh auf den “Amboss” und unterzog ihn einer genaueren Analyse
Derweil kam ich zur Ruhe und schaute mich, ganz neugierig geworden, in seiner Werkstätte um. Da wurde mir bewusst, das es hier zwar nach Gummi und Leim roch, das aber auch altes Werkzeug und feines italienisches Leder, Sehnen zum Sohlen nähen und andere Schnüre aufbewahrt und benutz werden
Das dieser Mann, weit über 75 sein musste und seiner Leidenschaft wie leidenschaftlichen Arbeit nachging.
Ich bemerkte ein sehr eindeutiges Schuhpaar besonders feinen Nappawildleders. Er bemerkte, dass ich ein Glänzen in den Augen erhielt, bereitet mir solches doch einen grossen Genuss. Sei es das Betrachten an sich oder weil eine Lady dieses Schuhwerk trägt und dieses vom (bisherigen) Leben der Trägerin durchaus erzählen vermag.

Der alte Mann und ich schmunzelten uns beide an, ich glaube es wurde beiden warm ums Herz. Doch den Blick auf meine Schuhe gerichtet, konnte er die Sohlen meiner Herrenschuhe selbst mit seinem ehrwürdigen Werkzeug und seiner Erfahrung nicht mehr reparieren, zumindest nicht in einem vernünftigen preislichen Rahmen.

Beim Abschied gab er mir seine knorrige alte Hand die so weich und doch noch immer wie früher von einer immensen Kraft zeugte, so dass wir verstanden weil wir eine ähnliche Leidenschaft pflegen.

Das er mir dabei ohne viele Worte beinahe liebevoll zeigte, dass Geduld und das Lesen dessen was vor uns liegt, dass “Patienza” (ital.) selbst in unserer stressigen Zeit wahrlich wundervolle, Leben lehrende Augenblicke bereithält.

In diesem Sinne

Freue ich mich auf so viele kommende Stunden während der Seilschaften sls auch der Workshopreihen bei S56

Mino

Dragonrope

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